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Als einmaliges Beispiel in der kirchlichen historistischen Architektur Luxemburg des 19. Jahrhunderts darf die der heiligen Kunigunde (+ 1033) geweihte Kapelle in Heiderscheidergrund bezeichnet werden. Ab 1991 figuriert sie auf der Liste der Bauwerke, die unter staatlichem Denkmalschutz stehen. Errichtet unter schwierigen finanziellen Verhältnissen im neogotischen Baustil zwischen 1849 und 1852, erhebt sich das kleine, weiss getünchte Bauwerk mit seinem zeltartigen Dach auf einem achteckigen Grundriss, dem ein Chorraum vorgelagert ist. Das Zurückgreifen auf einen zentralförmigen oktogonalen Grund- und Aufriss war wohl bedingt durch die Gedrungenheit des zur Verfügung stehenden Baugeländes über dem Tal. Im Innenraum tragen zwei Rundpfeiler das neogotische Gewölbe.

Nur schrittweise ist die heutige Ausstattung der Kapelle zustandegekommen. Ihr neogotischer Hauptaltar wurde erst 1904 errichtet. Obwohl die Kapelle der heiligen Kunigunde geweiht ist, befindet sich in der Mittelachse des Altaraufbaus die Statue der Trösterin der Betrübten, die der luxemburgische Bildhauer Emile Hulten 1968 geschnitzt hat. Rechts und links sind die kunsthistorisch wertvollen und farbig gefassten Statuen des heiligen Celsus und der heiligen Kunigunde aufgestellt. Laut ihren stilistischen Merkmalen sind sie in der Zeit um 1550 entstanden und gehören noch der spätgotischen Formenwelt an, auch wenn bereits vereinzelte Renaissance-Merkmale in der Gestaltung sich ankündigen. Sie zeigen Ähnlichkeiten mit der bekannten Rochusstatue aus der Pfarrkirche von Eschdorf.

Bei den beiden Statuen handelt es sich ursprünglich wahrscheinlich um Eligius und Genovefa. Vielleicht dürften sie aus Esch/Sauer stammen, die Kirchenbücher schweigen über ihre Herkunft. Seit 1893 sind sie in der Kapelle aufbewahrt.

Ausser den beiden spätgotischen Bildwerken bewahrt die Kapelle in der Eingagnszone noch zwei weitere Statuen aus dem 18. Jahrhundert, die erst 1984 aufgestellt wurden. Einerseits handelt est sich um Antonius den Einsiedler, andererseits um Katharina von Alexandrien, die aus der Hl. Kreuz-Kapelle von Esch/Sauer herrührt.

In volkstümlicher Figuration sind auf den Glasgemälden , die um 1924 in der damals wieder eröffneten Glasmanufaktur der Gebrüder Jean und Silvère Linster aus Mondorf  hergestellt wurden, eine Reihe von Heiligen dargestellt. Im Oktogon sind es einerseits Joseph, Margaretha von Cortona und Barbara, andererseits Petrus, Andreas und Antonius von Padua. An der Chorraumabschlusswand wird die Erinnerung an die heilige Kunigunde, die Schutzpatronin der Kapelle, hervorgerufen. Sie begegnet dem Besucher bereits über dem Eingangsportal in einer steinernen Statue, die 1967 Bildhauer Emile Hulten geschnitzt hat.

Datenmässig gesehen, stellt die Kapelle von Heiderscheidergrund aus den Jahren 1849 bis 1852 das älteste Kunigundis-Heiligtum Luxemburgs dar. Die Wahl der Heiligen aus dem Luxemburger Grafenhaus entspricht in geschichtlicher Hinsicht dem nach 1850 entstehenden Luxemburger Nationalbewusstsein („sentiment national“), das auch auf religiös-kirchlicher Ebene sich ausdrückte und in diesem Zusammenhang einen neuen Sinn für die Verehrung der mit Luxemburg verbundenen Heiligen schuf!

Michel SCHMITT