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L’église de Heiderscheid

Kunsthistorische Notizen

Die heutige Pfarrkirche von Heiderscheid ist nur wenige Jahre nach der Einführung der neogotischen Kirchenarchitektur in Luxemburg errichtet worden. Gegenüber dem klassizistischen Kirchenbau, der in Luxemburg während der holländischen Zeit und darüber hinaus eigentlich unvermittelt in das überkommene Kirchenbauwesen eindrang und nur wenig Sympathien in der Bevölkerung fand, wurde der neogotische Stil willkommen geheissen. Im Geist der Romantik und Restauration des frühen 19. Jahrhunderts griff er auf die Formensprache der hochmittelalterlichen gotischen Kathedralen namentlich im Rheinland zurück. Er wurde als der eigentliche christliche Baustil empfunden und erinnerte an die mittelalterliche Christenheit, in welcher damals in vielen Kreisen die ideal-christliche Zeit gesehen wurde.


 
Im Unterschied zu den klassizistischen Neubauten, deren architektonischer Höhepunkt die Dekanatskirche von Mersch (1850) wurde, fanden sie seit Mitte des 19. Jahrhunderts enstandenen neogotischen Kirchenbautenm wie etwa Steinsel (1851), Fischbach (1851), Niederanven (1852), Boewingen/A (1853), Roeser (1853) und Syren (1854), ein positives oder sogar begeistertes Echo in den Pfarreien. Sie schufen dank ihrer aufstrebenden Baumasse oder ihrer Lage eine Dominante im Ortschaftsbild und wirkten im Empfinden der Besucher als „erbauend“. Sie stehen am Ausgangspunkt einer bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs ununterbrochenen Entwicklung, die bis auf den heutigen Tag der luxemburgischen Kirchenarchitektur einen unverkennbaren Stempel aufdrückt.

In diesem zeitgeschichtlichen Kontext situiert sich der Bau der ursprünglich dreischiffigen Pfarrkirche von Heiderscheid, deren Grundstein 1853 gelegt wurde. Ihr Architekt war der in Diekirch wohnhafte holländische Genielutnant a.D. Ernst van Koenig. Van Koenig gehörte zu jenen Bauleutenm, die als Bezirksingenieure, Provinzialarchitekten, Distrikts- oder Verwaltungskonduktoren das öffentliche Bauwesen leiteten. Er hatte 1851 im Auftrag von Prinz Heinrich der Niederlande das Dach und Chor der Schlosskapelle von Vianden restauriert. 1850 leitete er Umbauarbeiten an der Pfarrkirche von Ettelbrück. Kurz vor Beginn des Neubaus von Heiderscheid zeichnete er die Pläne für die neogotische Kirche von Befort (1852-1854) und die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Kirche von Bastendorf (1852-1853), deren hoher und schmaler Turm demjenigen von Heiderscheid ähnelte.

Ein unguter Stern waltete von Anfang an über dem Neubau. Die Fertigstellung der Arbeiten wurde um drei Jahre wegen Auseinandersetzungen zwischen Gemeindeverwaltung und Kirchenfabrik verzögert. Bereits 1877 wurde geklagt über das baufällige Gotteshaus, das beängstigende Mauerrisse aufwies. 1897 wurden die Seitenschiffe abgetragen, neue Seitenmauern mit neuen Fensternischen errichtet, Chor und Turm durften weiterbestehen. Seit der Renovierung von 1974/75 müssen Strebepfeiler den Bau stützen. Heute, nach 150 Jahren, muss erneut eine Instandsetzung des Bauwerks stattfinden. Sie bezieht sich vorrangig auf die Fassaden, die grössere Bauschäden aufweisen.

Somit darf man behaupten, dass die Pfarrkirche von Heiderscheid in den 150 Jahren ihres Bestehens eine weithin unruhige Geschichte in ihrer Bausubstanz aufzuweisen hat und ihre Architektur immer wieder grössere Herausforderungen für Gemeinde und Kirchenfabrik brachte, auch wenn bei jeder baulichen Instandsetzung der Innenraum an Qualität und Ausstrahlung gewann.

Die Bildwelt des Chorraumes bildet vor diesem eher turbulenten Hintergrund den „ruhenden Pol“ und erweckt kunsthistorisches Interesse. Wie in vielen, damals neu errichteten Pfarrkirchen wurde auch in Heiderscheid das Altarmobiliar aus dem Vorgängerbau übernommen. Aus eher finanziellen als kunstgeschichtlichen Interessen wurde auf eine neue Einrichtung verzichtet.

In Heiderscheid ist das überkommene Chormobiliar kunstgeschichtlich ohne Schwierigkeiten zu lokalisieren. Es verweist in seiner Formensprache auf den bekannten Luxemburger Bildhauer Michael Weiler (1719-1805) aus Ettelbrück, auf welchen in manchen Kirchen Altäre, Predigtstühle, Reliefs und Statuen zurückgehen. Aehnlich wie bei den übrigen luxemburgischen Bildhauerpersönlichkeiten des 18, Jahrhunderts sind seine Werke vorrangig regional lokalisiert. Sie befinden sich im nördlichen Teil des ehemaligen Landkapitels Mersch, zu welchem Heiderscheid gehörte und das den heutigen Dekanaten Ospern, Diekirch und Vianden entspricht. Nur vereinzelte Beispiele befinden sich auch im Wiltzer Dekanat.

Weilers Hauptwerk ist der imposante, der heiligsten Dreifaltigkeit geweihte Altar in der Trinitarierkirche von Vianden aus dem Jahre 1758. Er trägt die Signatur des Meisters. Auffallende Stilmerkmale, die in der Formensprache des Rokoko sich ansiedeln, kennzeichnen in aller Deutlichkeit seine Bildwerke und schliessen sie zu einer kunstgeschichtlich relevanten Gruppe zusammen. In den Weiler-Statuen wird die grosse Vitalität des ornamentalen Rokokoempfindens der zweiten Hälte des 18. Jahrhunderts spürbar. Die Blütezeit des Schaffens von Michael Weiler fällt zusammen mit der letzten Phase der kirchlichen Bautätigkeit des Barockzeitalters im Herzogtum Luxemburg.

Aehnlich wie die noch erhaltenen und auf Michael Weiler zurückzuführenden Altäre von Grosbous (1757), Vianden (1758), Bourscheid (1765), Elvingen/R. (1767), Bettborn (1774) sowie Ospern (1771), den Weiler teilweise umgebaut hat, entspricht der 1764 entstandene Hochaltar von Heiderscheid in seiner künstlerisch-bildhauerischen Konzeption der seit der Jahrhundertmitte feststellbaren Entwicklung, laut welcher nun auf den geschlossenen monumental wirkenden Altaraufbau oder Retabel, der bisher ausschlaggebend war, verzichtet wird. War in einem solchen Aufbau das Tabernakel eingebunden in die Gesamtstruktur, so ist nach 1750 ein Wandel feststellbar. Das Tabernakel, in der Regel als Doppeltabernakel für das Unterbringen des Speisekelchs unten und der Sonnenstrahlenmonstranz oben gestaltet, des öfteren auch als Drehtabernakel eingerichtet, wird auf der Altarmensa zu einer selbständigen Grösse. Es bildet den künstlerischen und ikonographischen Schwerpunkt in der Altarbildwelt. In aller Deutlichkeit setzt es sich von der Altarmensa ab und wird von kräftig profilierten Seitenvoluten oder Anbetungsengeln flankiert. Seine Umrahmung oder Bekrönung findet es bisweilen in einem lockeren baldachinförmigen Aufbau, der eine Statue umschliesst. Auch ein Gemälde oder eine Wandmalerei, wie etwa in Grosbous, kann als Hintergrund des Chorraumes die Funktion des bisherigen Altaraufbaus übernehmen. Dank dieser neuen Konzeption verliert die Altarbildwelt an Monumentalität und Geschlossenheit, sie wirkt leichter und differenzierter.

Bezeichnend für die Tabernakelschöpfungen von Michael Weiler ist die reichhaltige und breitgefächerte eucharistische Bildwelt, die die Realpräsenz Christi und deren Opfercharakter im Sinne der Lehre des Konzils von Trient (1545-1563) verdeutlichen möchte. Bestimmend bleibt bei Weiler auch die Darstellung des Kreuzigungsgeschehens am Tabernakel. In Heiderscheid situiert sich die Kreuzigung vor einem illusionistisch oder perspektivisch gestalteten Architekturhintergrung, der an weitere Passionsdarstellungen des Künstlers erinnert. Wir begegnen ihnen an den Wegkreuzen von Esch/Sauer und Bettendorf sowie am Kreuzweg von Urspelt (1762).

Der Tabernakelaufbau von Heiderscheid wird bekrönt durch die Statue des Apostels Petrus und hervorgehoben durch die seitlich an der Chorabschlusswand angebrachten Weiler-Statuen der Immaculata rechts und des heiligen Nikolaus links. Namentlich die Statue der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria zeichnet sich wie diejenige von Harlingen durch eine grosse Eleganz aus. Sie entspricht dem von den Franziskanern in Luxemburg verbreiteten Typus der Mondsichelmadonna bei welchem das Kind selbst, das Maria im Arm hält, mit dem Kreuzstab oder der Kreuzlanze den Kopf der Schlange oder des Drachens zertrümmert.

In den Bildwerken von Michael Weiler fällt unmittelbar der geschwungene Körperaufbau auf, den die leicht bewegte Faltensprache der Gewandung reflektiert. Hiermit tritt in seinen Werken der eher erdgebundene Charakter der meisten ländlichen Figuren der Barockkunst zurück. In der Regel wird das Faltenspiel am unteren Saum des Gewandes in einer für Weiler spezifischen spiralförmigen Bewegung aufgefangen. Diese stilistische Eigenart lässt auch die Statue des Sebastianus links auf dem Altar erkennen. Die rechtsseitige Statue, die die heilige Barbara darstellt, gehört nicht der Weiler-Werkstatt an.

Von der Formensprache Weilers setzen sich deutlich die Reliefhalbfiguren der vier Evangelisten ab, die von ihren Attributen begleitet sind. Stilistisch stehen sie in enger Beziehung zur Werkstatt von Nicolas Jacques (+ 1793) aus Wiltz. Ihre Faltensprache ist härter, verschiedenartif sind auch die Gesichtszüge und der Blick. Sie stammen vom früheren Predigtstuhl und wurden bei der Chorraumrenovierung von 1974 in das Antependium des Hochaltars integriert.

Um das Chorraumbild des 18. Jahrhunderts zu verdichten, liess Pfarrer Thöodore Terres 1994 durch Bildhauer Pit Holweck aus Vianden zwei Altaraufbauten in barocker Konzeption und Polychromie nachschnitzen. Ihre farbige Fassung erfolgte 1995 durch Edouard Oestreicher aus Wiltz. Sie schmücken die Seitenaltäre des Chorbogens und ersetzen die früheren Nebenaltäre von 1906.

Der künstlerische Beitrag des frühen 20. Jahrhunderts zur überkommenen Bildwelt des Kirchenraumes besteht vor allem in den Glasgemälden des Langhauses, die die Signatur des Glasmalers Jean-Pierre Koppes (+ 1944) aus Altwies tragen. Mit Pierre-Hippolyte Linster und Emile Simminger gehörte Koppes zu den Erneuern der kirchlichen Glasmalerei in Luxemburg. Von Koppes sind Werke in den Kirchen von Hollerich, Stegen, Lellig und Schwebsingen erhalten. 1914 führte er die Glasgemälde im Langhaus von Heiderscheid aus. In Formensprache und Bildaussage sind sie volkstümlich gestaltet, dem religiös-kirchlichen Empfinden der Zeit entsprechend. In ihnen reflektiert sich die damals vorherrschende Auffassung, dass Glasmalerei eine in Glasmaterial umgesetzte Tafelmalerei ist, womit eine breitgefächerte Farbpalette mit vielen Zwischentönen bestimmend wurde. Von oben nach unten werden rechtsseitig Antonius von Padua, die Erscheinung Christi an Marie-Marguerite Alacoque und Willibrord dargestellt, links Caecilia, die Rosenkranzüberreichung an Dominkus sowie Elisabeth von Thüringen. Seitlich im Chor sind es Joseph und die ohne Erbsünde empfangene Jungfrau und Gottesmutter Maria. Diese Glasgemälde wurden bereits 1913 installiert.

In demselben Geist und Zeitgeschmack schuf 1919 der Viandener Kirchenmaler Karl Wilhelmy (+ 1954) Wandmalereien. Im Chor stellten sie die Kreuzigungsszene sowie die Krönung Marias im Himmel dar, über dem Chorbogen die Emmausjünger. Von diesen Werken ist lediglich das Bild der Krönung Mariens erhalten.

So bürgt bei aller Bescheidenheit der Architektur die Heiderscheider Pfarrkirche eine Reihe von kunsthistorisch relevanten Ausstattungselementen, in welchen sich Verehrung und Devotionen in der Kontinuität des Pfarreilebens ausdrücken. Auf sichtbare Weise verbinden sie das Pfarreileben von gestern mit demjenigen von heute und stellen somit einen wichtigen Kontinuitätsfaktor dar. Durch ihre langjährige Praesenz im Kirchenbau tragen sie auf bestimmende Weise zu seiner Botschaft bei.

Michel Schmitt
Diözesankonservator